Apple kürt Periscope zur App des Jahres 2015

Johannes Ehrenwerth
Von Johannes Ehrenwerth Dezember 10, 2015

Apple kürt Periscope zur App des Jahres 2015

Periscope ist eine der ganz großen Social-Media-Überraschungen des Jahres. Das Live-Streaming-Netzwerk legte nach dem Launch Anfang 2015 einen raketenhaften Aufstieg hin. Wohl auch deshalb wurde die Plattform jetzt von Apple zur jahresbesten Anwendung im App-Store gekürt. Wir nutzen die Gelegenheit, um einmal genauer durchs Periskop zu schauen.

Periscope: So fing alles an

Die Geschichte von Periscope beginnt – wie so oft – mit einer Idee. Die beiden Gründer Kayvon Beykpour und Joe Bernstein erdachten 2013 eine Plattform, die es allen Smartphone-Nutzern ermöglichen sollte, von jedem Ort und zu jeder Zeit ihre Erlebnisse live zu streamen. Zu diesem Zweck sammelten Beykpour und Bernstein insgesamt 1,5 Millionen Dollar von unterschiedlichen Investoren und gründeten im Februar 2014 die Firma Bounty.

Als persönliche Motivation hinter dem Projekt gab Beykpour die seiner Meinung nach unzureichende Berichterstattung über die Proteste auf dem Taksim-Platz in Istanbul 2013 an. Er selbst war zum Zeitpunkt der Unruhen in der Stadt, konnte die Proteste aber lediglich über Tweets nachvollziehen und wünschte sich eine Möglichkeit, die Ereignisse live per Video verfolgen zu können.

Im Januar 2015 wurde Bounty dann für einen unbekannten Betrag von Twitter aufgekauft. Der Kaufpreis soll zwischen 50 und 100 Millionen US-Dollar gelegen haben. Die Übernahme durch den Social-Riesen wurde am 13. März durch einen Tweet des inzwischen in Periscope umbenannten Unternehmens bekannt gegeben. Knapp zwei Wochen später, am 26. März, ging die Periscope-App in Apples iOS-Store an den Start. Am 26. Mai, also exakt zwei Monate nach iOS-Release, erschien Periscope auch für Android-Geräte im Google Play Store.

Der Blick durchs Sehrohr – so funktioniert‘s:

Die Bedienung von Periscope ist nicht ganz einfach, in den Grundzügen aber schnell zu erlernen: Besitzer der App können mittels ihres Smartphones oder Tablets eigene Live-Streams produzieren, Streams anderer Nutzer verfolgen oder Replays bereits beendeter Übertragungen anschauen. Um einen eigenen Stream zu erstellen, wählt man in der iOS-Version das Broadcast-Tab am unteren Bildschirmrand aus. In der Android-Fassung aktiviert man zum Starten des Streams das rote Kamera-Symbol unten rechts.

Im nächsten Schritt wählt man einen Titel für die Übertragung aus. Bevor man dann den Stream durch einen Druck auf den entsprechenden Button startet, lassen sich noch vier Einstellungen vornehmen. So kann man seinen Zuschauern den Ort mitteilen, von dem aus man streamt, und bestimmen, ob ein Broadcast öffentlich sichtbar oder nur auf selbst wählbare Follower beschränkt sein soll. Außerdem lässt sich die Chat-Funktion limitieren. Tut man dies, können nur jene User eine Chat-Nachricht im eigenen Stream hinterlassen, denen man selbst folgt.

Zu guter Letzt lässt sich einstellen, ob ein Tweet an die eigenen Twitter-Follower gesendet werden soll, sobald der Stream beginnt. Dieser enthält die in Periscope erstellte Überschrift des Broadcasts und einen Link zur Übertragung selbst. Hier sollte man darauf achten, dass der Titel nicht zu lang ausfällt, da Text und Link zusammen die für einen Twitter-Beitrag üblichen 140 Zeichen nicht überschreiten dürfen.

Sieht man sich selbst einen Stream an, gibt es mehrere Möglichkeiten, mit dem „Broadcaster“ zu interagieren. Vorausgesetzt der Ersteller der Übertragung lässt es zu, kann man Chatnachrichten senden, die ihm und allen anderen Zuschauern des Streams angezeigt werden. Zusätzlich lässt sich durch einen Druck auf den Bildschirm ein Herzchen („heart“) versenden, das ebenfalls alle Teilnehmer des Broadcasts angezeigt bekommen. Macht ein Zuschauer während des Streams einen Screenshot von der Übertragung, wird das durch ein für alle eingeblendetes Kamerasymbol angezeigt.

Dank aktiver Community an die Spitze des App-Stores

Der Erfolg von Periscope fußt offenbar auf der aktiven und schnell wachsenden Community. Befeuert durch die Reichweite des Mutterkonzerns Twitter wuchs die Gemeinde der Periscope-Nutzer rasant: Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung der App waren bereits zehn Millionen Mitglieder im Netzwerk aktiv.

Laut der aktuellen Daten nutzen täglich fast zwei Millionen Menschen das Angebot von Periscope und produzieren und konsumieren dabei mehr als 350.000 Stunden Live-Stream – umgerechnet ungefähr vierzig Jahre.

Die wachsende Popularität der App hat sich unterm Strich wohl auch durch reine Downloadzahlen in Apples App-Store bemerkbar gemacht. Jetzt hat Apple Periscope zur iOS-App des Jahres gekürt und die Feier im Periscope-Hauptquartier wurde – selbstverständlich – per Live-Stream übertragen.

Es bleibt allerdings abzuwarten, ob Twitter auch langfristig mit Periscope erfolgreich sein wird. Facebook liegt nämlich schon auf der Lauer. Der Social-Media-Tausendsassa hat schon im Sommer seinen eigenen (bislang noch auf ausgesuchte Nutzer in den USA limitierten) Livestream-Service ins Leben gerufen und will 2016 alle User damit ausstatten. Periscope muss sich also auf reichlich Gegenwind gefasst machen.

Übrigens: Die meisten Periscope-Nutzer stammen laut der jüngsten Erhebung aus dem August aus den USA, Brasilien und – der Türkei. Das dürfte besonders Periscope-Chef Kayvon Beykpour gefallen.

 

Foto: Fotolia, 77938085, wickerwood

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