Der digitale Presserückblick

Matthias Lotzin
Von Matthias Lotzin Oktober 2, 2015

Der digitale Presserückblick

Twitter schafft sich selbst ab, Imagefilme muss man können, Zuckerberg liefert ein knallhartes Versprechen, Blendle beschert der „Rhein-Zeitung“ Rekordumsätze, und Twitter sucht Kicker-affine Redakteure: Willkommen bei der Presseschau!

Twitter heißt bald Twittbook – oder Fatter

„In der Kürze lag die Würze“, so betitelt die Onlineausgabe der „Frankfurter Allgemeinen“ ihren Bericht über die vermeintlichen Pläne von Twitter, die 140-Zeichen-Schranke für Tweets zu liften. Das gefalle „bei weitem nicht jeden“, doch offensichtlich wolle Nun-doch-nicht-nur-Interimschef Jack Dorsey „Twitter für Werbekunden interessanter“ machen. Ob das Kippen der Zeichen-Obergrenze nun eine gute oder schlechte Idee ist, dazu scheint die „Frankfurter Allgemeine“ keine klare Meinung zu haben, zumindest wird in dem Artikel keine kundgetan.

Anders im Blog „Basic Thinking“, wo ein Kommentator vermutet, „dass Twitter „mehr den ,Mainstream‘ ansprechen möchte“ – und die Frage stellt, ob es funktionieren werde, wenn der Noch-Kurznachrichtendienst seinen Usern „ein zweites Facebook präsentiert, wo der ,Mainstream‘ ohnehin schon ist“. Die Frage ist rhetorischer Natur, die Antwort des Autors lautet in bester Twitter-Manier: „Oder in maximal 140 Zeichen: Schmeiß deine Ideen über Bord, @Twitter, und konzentrier dich lieber darauf, soweit wie möglich von Facebook fernzubleiben.“

Knapp vorbei ist auch daneben

„Imagefilme sind heutzutage auf beinahe jeder Firmen-Website zu finden“, schreibt horizont.net, und stellt die Frage, ob sich die Unternehmen damit einen Gefallen tun. Man ahnt es schon, wir haben es abermals mit einer rhetorischen Frage zu tun. Die Antwort lautet: „Sehr häufig ist das nicht der Fall“, belegt wird sie von Matthias Michael, Reputations- und Krisenberater bei der PR-Agentur FleishmanHillard. Michael listet „Die 10 häufigsten Fehler bei Unternehmensvideos“ auf, sie reichen vom unglaubwürdigen Hochglanzfilm über Clips frei von jeglicher Dramaturgie bis hin zum mit abstrakten Fachbegriffen vollgestopften Wortmonster-Streifen. Experte Michael rät Unternehmen zum Clip-Check: „Sehen Sie die Videos Ihrer Firma an: Würden Sie sich danach bei Ihnen bewerben?“

Zuckerberg am Tisch mit Merkel und im Kloster in Indien

„Facebook-Gründer verspricht Hasskommentare schneller zu löschen“, lehnt sich „Zeit Online“ aus dem Fenster. Weshalb? Die Bundeskanzlerin war beim „UN-Nachhaltigkeitsgipfel“ Tischpartner von Mark Zuckerberg und habe den Facebook-Chef „auf den Umgang des Netzwerks mit Hasskommentaren angesprochen“, das „offenbar eingeschaltete Tischmikrofon“ wiederum habe Zuckerbergs Antwort öffentlich gemacht. „Ich denke, wir müssen daran arbeiten“, soll Zuckerberg geantwortet und auf Frau Merkels Frage, ob er die Situation verbessern wolle, „Ja“ gesagt haben. Klingt für uns nach Wischiwaschi, aber warten wir es ab.

Nicht überliefert ist, ob Zuckerberg mit der Kanzlerin auch über seinen Trip nach Indien gesprochen hat. Wie wir der „Huffington Post“ entnehmen, traf sich Zuckerberg vor geraumer Zeit mit Steve Jobs, als es für Facebook gar nicht rund lief. Die „Huffington Post“ zitiert Zuckerbergs Erinnerungen an die Begegnung mit Jobs: „Er sagte, um mich wieder mit dem zu verbinden, was ich für die Mission dieser Firma hielt, sollte ich diesen Tempel in Indien besuchen.“ Genau das habe Zuckerberg getan, und, so die „Huffington Post“ weiter: „Indien inspirierte ihn. Zu sehen, welche Verbindung die Menschen zueinander haben, brachte ihn zu der Erkenntnis, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn es den Menschen leichter fiele, miteinander in Verbindung zu treten.“ Der Artikel schließt mit dem Satz „Wir haben Steve Jobs also noch mehr als nur das iPhone zu verdanken“. Wir wischen uns eine Träne aus dem Auge und schließen mit den Worten: Und wenn er nicht gestorben wäre…

Das kann sich sehen lassen

Der Branchendienst „Meedia“ berichtet über „Die erste Blendle-Bilanz der Rhein-Zeitung“, die Zeitung aus Koblenz ist beim Mitte September gestarteten Onlinekiosk Blendle mit an Bord und hat nun Zahlen veröffentlicht, die beeindrucken. „100 Artikel wurden zum Stückpreis von 49 Cent verkauft“, schreibt „Meedia“, und rechnet noch einmal genau nach: „100 Artikel zu 49 Cent, das macht 49 Euro Umsatz in zwei Wochen für die Rhein-Zeitung. Abzüglich einer Provision für Blendle.“ Wenn die Bilanzen stimmen, melden sich natürlich auch die Verantwortlichen zu Wort – und so bilanziert der Onlinechef der „Rhein-Zeitung“ im Blog: „Das Ergebnis kann sich sehen lassen.“

Xing sucht Journalisten, die Kicker spielen können

Das Karrierenetzwerk Xing baut eine eigene Redaktion auf und „folgt damit einem Trend, den auch Linkedin, Facebook, Google und Apple erkannt haben“, schreibt die Onlineausgabe der „Neue Zürcher Zeitung“. Wie Xing bekanntgegeben hat, wird Roland Tichy, Ex-Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, Herausgeber der neuen News-Formate, die Chefredaktion übernimmt Jennifer Lachmann (ehemals „Financial Times Deutschland“). „Konkretes, etwa wie viele Journalisten noch eingestellt werden“, habe sich Xing auf Nachfrage aber nicht entlocken lassen, so „NZZ“. Das hat uns neugierig gemacht, und wir sind immerhin auf eine Stellenausschreibung für einen „Redakteur (m/w) Xing News“ gestoßen. Den erwartet ein „Umfeld, das begeistert“ – etwa in Form von Kickertischen. Da können wir im TESTROOM nur müde lächeln – und setzen unsere Partie Billard fort. An unserem Billardtisch.

Foto: Thinkstock, 128013166, Wavebreak Media, Wavebreakmedia Ltd

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