Der digitale Presserückblick

Matthias Lotzin
Von Matthias Lotzin November 6, 2015

Der digitale Presserückblick

Twitter hat das Herz am rechten Fleck, Facebook verkehrt in Missionarsstellung, die talentierten Diebe von focus.de haben Grund zu Feiern und Handlungskorridore verbessern das Markenverständnis – einen schönen Wochenausklang mit der Presseschau!

Ein Herz und eine Seele

Der kriselnde Kurznachrichtendienst will die Herzen der Twitter-Verweigerer im Sturm erobern und von den Usern ins Herz geschlossen werden – blöd nur, dass die meisten schon ihr Herz an Facebook verloren haben. Doch Twitter-Chef Jack Dorsey ist niemand, dem darüber das Herz bricht, stattdessen fasst er sich ein Herz – und setzt auf „Hearts on Twitter“. Statt gelbe Sterne und Favoriten gibt’s jetzt flächendeckend rote Herzen und Likes – was im Empörungs-Netzwerk natürlich gleich für Gemotze sorgte. Wie „Zeit Online“ berichtet, gebe „es kaum einen Tag auf Twitter, an dem nicht mindestens drei, vier, sieben *gates durchs Netz getrieben werden“ – und jetzt „also wahlweise „#heartgate, #favgate oder #stargate“. Dabei habe „Twitter erkannt, was die Welt wirklich braucht: Heart statt Hate“. Wenn da mal dem Hate-Speech-Netzwerk Facebook nicht das Herz in die Hose rutscht – und den ihren gelben Sternen nachweinenden Twitter-Usern rufen wir zu: Herzilein, du musst nicht traurig sein…

Together forever and never to part

Von der Fälschung geht‘s direkt zum Original: Facebook hat ein Herz für die vielen armen Seelen, die noch keinen Zugang zum Internet haben – „hochfliegende vernetzte Drohnen mit großer Reichweite“ sollen das ändern und kostenlose Basisdienste zur Verfügung stellen, wie Facebook-Chefentwickler Mike Schroepfer im Interview mit welt.de erzählt. Warum das Facebook macht? Aus hehren Motiven. „Die Motivation dafür“, so Schroepfer, „geht direkt von Mark Zuckerberg aus: Er hat Facebook die Mission vorgegeben, alle Menschen auf der Welt miteinander zu verbinden.“ Dem Missionär ist nichts zu schwer, für so viel Altruismus gibt’s gleich drei Twitter-Herzen!

Ein bisschen Geld verdienen muss aber selbst Facebook, mit den neuen Music Stories wird das Netzwerk zum „Verkaufskanal für Streaming-Anbieter“, wie t3n.de schreibt. Aber auch hier geht es in erster Linie darum, den Menschen etwas Gutes zu tun – nämlich, dass „Nutzer das Portal nicht mehr verlassen müssen, um neue Songs zu entdecken.“ Wer will das auch schon, ständig in diesem unübersichtlichen Rest-Internet unterwegs zu sein.

Unübersichtlich ist auch die Medien-Landschaft, hier wird Facebook ebenfalls für Abhilfe sorgen. Zwar nicht im Netzwerk selbst, sondern mittels der Nachrichten-App Notify. Die soll in den USA bereits in der kommenden Woche verfügbar sein und Inhalte unter anderem der Washington Post, von Mashable, CBS, CNN und Vogue als Push-Nachrichten aufs Smartphone bringen, wie beispielsweise „Spiegel Online“ berichtet. „Nach den sogenannten Instant Articles, also Artikeln von Medienunternehmen, die direkt innerhalb der Facebook-App angezeigt werden“, so „Spiegel Online“, „ist Notify der nächste Versuch Facebooks, sich zum allgegenwärtigen Vermittler zwischen Medien und ihren Nutzern zu machen.“ Für die Medienunternehmen sei das „ein zweischneidiges Schwert“, denn: „Ein Nutzer, der sich für Push-Nachrichten künftig auf die Facebook-App verlässt, wird womöglich kein Interesse mehr daran haben, die Push-Nachrichten einzelner Medien zu abonnieren.“ Braucht er dann ja auch nicht mehr.

Talentierte Diebe und verbale Hiebe

Ob „Focus Online“ bei der deutschen Ausgabe von Notify dabei sein wird, wissen wir nicht. Was wir aber wissen, ist: „Zum ersten Mal seit Mai 2014 heißt die publizistische Website, die den größten Erfolg in den sozialen Netzwerken hat, nicht mehr Bild“, wie der Social-Media-News-Charts-Ermittler „10000 Flies“ vermeldet – sondern eben die Onlineausgabe des „Focus“, die im Oktober „vorbei an Bild auf den ersten Platz des 10000-Flies-Likemedien-Rankings sprang.“ Das habe „Focus Online“ allerdings „fast einzig und allein der Flüchtlings-Thematik zu verdanken. 18 der 20 erfolgreichsten Focus-Online-Artikel hatten im Oktober mit der Flüchtlingskrise zu tun – und fast alle waren populistisch und machten Stimmung in eine bestimmte Richtung.“ Eine andere Erklärung für den Höhenflug des Fakten-Portals hat Julian Reichelt, Chefredakteur von bild.de, im Gespräch mit „Meedia“ parat: „Sie beherrschen es sehr gut, unsere Inhalte zu nehmen, auch unsere Bezahlinhalte, die wir unter großem Aufwand und Kosten erstellt haben, schnellstmöglichst zu kopieren und dann Google-optimiert auszuspielen. Diese Hehlerei funktioniert bei Focus.de sehr gut. Das sind sehr talentierte Diebe.“ Für so viel Hate Speech gibt’s von uns weder ein Like noch ein Herzchen!

Außen hui, innen pfui

„Den meisten Unternehmen ist die Außenwirkung ihrer Angestellten auf die eigene Marke zwar durchaus bewusst“, schreibt das Marketing-Portal absatzwirtschaft.de, „doch Wissen bedeutet noch lange nicht Handeln, wie die Ergebnisse des ,Deutschen Markenmonitors‘ zeigen“. Die Studie belege, dass „in 63 Prozent der Unternehmen die Markenpositionierung noch nicht einmal allen Mitarbeitern bekannt“ sei und das „nur 42 Prozent der Befragten die Ansicht vertreten, dass ihre Mitarbeiter ein einheitliches Bild davon haben, wofür die eigene Marke steht.“ Erfolgreiches Markenmanagement richte sich aber „zuerst nach innen“. Es gelte, Führungskräften und Mitarbeitern „nachvollziehbare markenkonforme Handlungskorridore für die einzelnen Aktivitäten und Maßnahmen im Tagesgeschäft aufzeigen“. Das Wort „Handlungskorridore“ gefällt uns richtig gut, fast so gut wie „Transitzonen“ und „Registrierungszentren“ – doch das ist ein anderes Thema. Und wir sind nicht „Focus Online“.

Foto: Thinkstock, 128013166, Wavebreak Media, Wavebreakmedia Ltd

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