Der digitale Presserückblick

Matthias Lotzin
Von Matthias Lotzin Februar 12, 2016

Der digitale Presserückblick

Ein undankbares Kolonialvolk, ein Sturz ins Bodenlose, ein Logo für die Tonne, Päckchen auf Rädern und eine Störchin auf dünnem Eis – let’s get ready for Presseschau!

Ein Herz für Inder

„Kostenlos – aber nicht wirklich frei“: Mit dieser Überschrift berichtet die Onlineausgabe der „Tagesschau“ über das Verbot von Facebooks ambitioniertem „Free Basics“-Projekt. Der Dienst, für den sich Mark Zuckerberg persönlich vor Ort stark machte, sollte rund eine Milliarde Inder mit Gratis-Internet versorgen – „allerdings handelt es sich dabei insgesamt nur um rund 100 Internetseiten, die kostenfrei gewesen wären“, wie tagesschau.de weiter schreibt. Netzaktivisten und indischen Internet-Unternehmer hätten das als Verstoß gegen die Netzneutralität gesehen. Ihre „Proteste gegen ,Free Basics‘“, so das Newsportal, „waren am Ende so laut, dass die Regulierungsbehörde einschritt“.

Wie sollte man das Aus für „Free Basics“ beurteilen? Für die Onlineausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist die Entscheidung ein Fehler, eine Milliarde Menschen hätte dank des Projekts „wenigstens Zugang zu einem Teil des Internets bekommen können“. Hätte Facebook erst einmal angefangen, so faz.net weiter, „wäre vielleicht bald auch Google auf die Idee gekommen, ein ähnliches Angebot einzurichten – vielleicht mit den Seiten, die Facebook sperrt. Solche Überlegungen gibt es bei Google schon. Doch auch sie haben jetzt einen Rückschlag erlitten“. Konkurrenz belebe das Geschäft, doch „in Indien gibt es jetzt keine Konkurrenz, kein Geschäft – und für die meisten Menschen kein Internet“, lautet das Fazit des Newsportals. Ob es eine belebende Konkurrenz gewesen wäre, wenn ein so finanzstarker Global Player wie Facebook sich in Position gebracht hätte, lässt sich bezweifeln. Man kann „Free Basics“ auch so wie das IT-Portal „Mobile Geeks“ sehen – nämlich als der Versuch, „eine Maßnahme, die eigene Position zu stärken, als eine gute Tat zu verkaufen“.

Immerhin verkauft sich Mark Zuckerberg als besserer oder zumindest cleverer Verlierer als Facebooks Aufsichtsrat Marc Andreessen. Der twitterte nach dem „Free Basics“-Aus: „Anti-Kolonialismus war für das indische Volk über Jahrzehnte wirtschaftlich katastrophal. Warum jetzt also damit aufhören?“ Das kam in der ehemaligen britischen Kolonie Indien weniger gut an und sorgte auch für Schelte vom Facebook-Chef. Andreessen gab den reuigen Sünder und versprach laut „Zeit Online“, „er wolle sich künftig aus allen Debatten über indische Geschichte und Wirtschaft heraushalten und diese Menschen überlassen, die mehr Ahnung und Erfahrung auf diesem Gebiet haben“. Twittern ist Silber, Schweigen ist Gold.

Der Haken an der Sache

Da wir schon mal bei Twitter sind: Was war das wieder für eine Empörung auf der Empörungsplattform. „Say hello to a brand new Twitter“, kündigte die Webseite „Buzzfeed“ vorab die neue Algorithmus-sortierte Timeline an – schon ward der Slogan „#RIPTwitter“ geboren und Protestgeschreibsel waberte durch Twitter und das Netz. Dabei ist das „brand new“ Twitter ganz schnell wieder das alte Twitter, wenn man es will – und einen Haken in den Einstellungen entfernt.

Der eigentliche Haken an der Twitter-Sache sind die Nutzerzahlen – und die sind laut Bilanz für das das abgelaufene vierte Quartal in den USA erstmals rückläufig, weltweit stagnieren sie. Das Medienportal „Meedia“, im Twitter-Bashing wohl versiert, schwingt sich prompt zu neuen Abgesangs-Höhen auf: „Twitters Absturz kennt kein Ende“, schreibt „Meedia“, und konstatiert: „Twitters Stunde Null ist angebrochen“. Angesichts der „dramatischen Kurseinbrüche, der schrumpfenden Nutzerzahlen und der jüngsten Mitarbeiterflucht“ sei derzeit völlig ungewiss, „wie der Kurznachrichtendienst in den nächsten Jahren aussehen“ werde. Wir wissen es: wie Facebook – bloß ohne Nutzer.

Wenn das Päckchen zweimal klingelt…

Wo wir schon mal bei den Abgesängen sind: „Weiterer Sargnagel für Flash: Google setzt bei Display-Ads bald voll auf HTML5“, berichtet das Digitalmagazin „t3n“ wie viele andere auch – wirklich spektakulär ist die Meldung nicht. Wie „t3n“ selbst schreibt, ist Google „schon seit Jahren ein weiterer Player, der sich gegen Flash ausspricht“, zumal gebe es Ausnahmen. „Video-Ads, die auf Flash basieren, werden vorerst noch ausgeliefert“, so „t3n“.

Um Auslieferung geht es auch bei dem Patent auf „eine bewegliche Packstation“, das Google sich in den USA hat erteilen lassen – wie wir bei heise.de lesen. Es handele sich um ein System, bei dem „die Lieferwagen ohne Fahrer auskommen und dennoch den Empfängern sicher ihre Pakete zustellen können sollen“. Wie das funktionieren soll? „Die Poststücke sind in dem Fahrzeug jeweils in einem eigenen Fach untergebracht“, erklärt heise.de. „Da kein Fahrer dabei ist, der prüfen kann, ob der Empfänger berechtigt ist, benötigt dieser eine PIN, die ihm zuvor übermittelt wurde. Wenn er diese in ein Tastenfeld auf dem Fahrzeug eingegeben hat, kann er seine Lieferung entnehmen.“ Wir finden das ganz schön umständlich und sehen den Nutzen nicht so recht. Viel praktischer wäre es, wenn man den Paketen selbst Beine machen würde: „Schatz, dein Päckchen hat an die Tür geklopft, kannst du es reinlassen?“

Götze findet seinen G-Punkt

Etwas ratlos macht uns das Logo, dass sich Mario Götze hat entwerfen lassen. Aus der Onlineausgabe von „Horizont“ erfahren wir: „Mario Götze hat seinen neuen Markenauftritt vorgestellt, den die Agentur Neue Monarchie im Auftrag des Götze-Managements erdacht hat. Das zugehörige Logo, ein G in Form eines stilisierten Pfeils, soll ein Zeichen für Souveränität und Selbstbewusstsein sein.“ Uns erinnert das G eher an das Logo für „Der grüne Punkt“ – und eigentlich finden wir, dass Mario noch zu jung für die Gelbe Tonne ist, auch wenn’s zuletzt karrieremäßig nicht ganz so gut lief.

Die Sendung mit der Maus

Nicht rund lief es jüngst auch für Beatrix von Storch. Die distinguierte Adlige und stellvertretende Vorsitzende der AfD hatte bekanntlich in einem Facebook-Post die Frage bejaht, ob zur Grenzsicherung im Zweifelsfall auch auf Frauen und Kinder geschossen werde sollte. Laut gedrucktem „Spiegel“ erklärte sie, der Post sei ein „technischer Fehler“ gewesen, sie sei auf ihrer Computermaus „abgerutscht“ – sozusagen #mausgerutscht. Das wollen wir ihr gern glauben und vermuten, dass sie statt „ja“ eigentlich „Niemand will auf Menschen schießen, nicht auf Frauen, nicht auf Kinder und auch nicht auf Männer“ schreiben wollte. Aber wie das halt so ist: ein kleiner Bedienfehler, und schon ist der ganze Sinn eines Textes auf den Kopf gestellt…

Foto: Thinkstock, 128013166, Wavebreak Media, Wavebreakmedia Ltd

Lesen Sie auch diese interessanten Artikel
Matthias Lotzin
Von Matthias Lotzin Februar 12, 2016