„Führungskräfte sind in erster Linie Coaches, die ihren Mitarbeitern helfen, innovativ zu sein“

Matthias Lotzin
Von Matthias Lotzin Februar 23, 2016

„Führungskräfte sind in erster Linie Coaches, die ihren Mitarbeitern helfen, innovativ zu sein“

Stichwort Digital Leadership: Der zweite Teil des Interviews mit Journalistin und Kommunikationsberaterin Christiane Brandes-Visbeck behandelt die Mitarbeiterführung in Zeiten der digitalen Transformation – und den digitalen Wandel der ganzen Gesellschaft. Teil eins des Interviews finden Sie hier.

TESTROOM: Frau Brandes-Visbeck, Sie propagieren den Begriff „Digital Leadership“. Was verbirgt sich dahinter?

Christiane Brandes-Visbeck: „Propagieren“ trifft es nicht so ganz – ich habe einen Begriff gesucht, der den Führungsstil umschreibt, den ich im digitalen Wandel für angemessen empfinde. Ein Digital Leader ist sich bewusst, dass er sich an die neuen Zeiten anpassen und seine Leute motivieren muss, ihm auf dem Weg in eine unberechenbare Zukunft zu folgen. Das ist keine leichte Aufgabe. Vor allem nicht für die Führungskräfte, die ihre Führungsaufgabe bisher eher als effizientes Managen und weniger als inspirierendes Leadership verstanden haben.

Ein Digital Leader ist disruptiv, innovativ, mutig in der Führung, sozial hoch kompetent und entschlossen. Alles Eigenschaften, die Mitarbeiter vielleicht schätzen, mit denen man aber bisher nicht in der obersten Chefetage punkten konnte. Heute bestimmen Begriffe wie Diversity, transformationale Führung oder emotionale Intelligenz den Erfolg in der Führung. Und wenn man dann noch hört, dass mittelfristig jede klassische Führungsaufgabe wie Arbeitsverteilung und Kontrolle abgeschafft werden wird, weil Projektgruppen und Teams sich ohne Chef selbst führen und organisieren, dann können Sie sich vielleicht vorstellen, dass manch ein Manager sich ausrechnet, wann er endlich in Rente gehen darf.

Was bedeutet das Konzept Digital Leadership für die Organisation von Arbeit und Unternehmen?

Die Unternehmenskultur wird sich maßgeblich ändern. Führungskräfte sind in erster Linie Coaches, die Mitarbeiter dabei unterstützen, innovativ zu sein, gute Arbeit zu leisten und damit sichtbar zu werden. Das ist der Preis dafür, dass sich Mitarbeiter für die Unternehmensziele einsetzten und somit den monetären Erfolg des Unternehmens ermöglichen. Chefs sind Netzwerker, die ganz unterschiedliche Menschen in ihre Teams einbinden, die den Erfolg der Gruppe durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen für Problemlösungen optimieren. Mut zum Versuchen, Ausprobieren und zum frühen Fehlermachen wird zum Alltag gehören.

Denn wenn man neue Wege geht, weiß niemand so genau, wie man am besten zum Ziel gelangt. Insgesamt wird sich der Kommunikationsbedarf in Teams erhöhen, wofür es zum Glück nach wie vor das persönliche Gespräch und Telefonate, aber auch virtuelle Collaboration Tools wie Yammer, Slack oder Google Apps gibt. Die Führungskraft von heute wird mutig sein müssen, entschlossen, aber auch ausgleichend, motivierend und inspirierend.

„Wenn man Menschen überfordert, reagieren sie ängstlich und aggressiv“

Neues auszuprobieren, dabei auch Risiken einzugehen und Fehler zu begehen – das ist in Deutschland verpönt. Manager müssen immer alles richtig machen. Wie kann diese verkrustete Denkweise aufgebrochen werden?

Wenn ich diese Zauberformel kennen würde, wäre ich reich. Nein, im Ernst. Aus meiner Sicht geht das nur Schritt für Schritt und mit Augenmaß. Wenn man Menschen überfordert, werden sie ängstlich und aggressiv. Das beobachten wir ja gerade in der Flüchtlingspolitik.

Mein Vorschlag ist, je nach Sicherheitsbedürfnis im Hause sehr behutsam anzufangen. Das kann ein monatlicher Innovationstag sein, an dem jeder an einem Projekt seiner Wahl arbeiten kann, um eine Veränderung zu bewirken. Man kann Coworking Spaces besuchen und schauen, wie Menschen selbstbestimmt arbeiten, und sich mit all den vielen Ideen und Methoden auseinandersetzen, die mit den Begriffen New Work oder Arbeiten 4.0 zusammengefasst werden.

Vielleicht fängt man mit kleinen, freiwilligen Gruppen an, das Neue zu leben. Wenn diese erfolgreich sind, dann wird Vertrauen aufgebaut. Irgendwann werden alle nach und nach folgen. Doch da viele Unternehmer diese Geduld nicht haben (können), wird aktuell gern in Start-ups investiert und damit das innovative Arbeiten outgesourct. Ob das der einzige richtige Weg ist, muss jedes Unternehmen selbst entscheiden.

Welche Rolle sollten Arbeitnehmer bei der digitalen Transformation ihres Unternehmens spielen?

Sich selbst organisierende Arbeitnehmerteams werden im Mittelunkt stehen. Sie werden transparent arbeiten, jeder wird das Gehalt, die Arbeitsweisen und Kommunikationswege der anderen kennen und respektieren. Teamleader werden situativ und auf Zeit gewählt. Das ist nicht mit dem Prinzip der partizipatorischen Demokratie der späten 1970er Jahre zu vergleichen, bei dem alle Macht vom Volke ausgeht. Aber selbstbestimmtes und nachhaltiges Arbeiten im selbstorganisierten Team wird die Produktivität erhöhen, weil Menschen mit ihrer Arbeit zufrieden sind, Anerkennung erfahren und sich deshalb mit dem Unternehmen identifizieren können.

Es ist doch heute schon so, dass gute Mitarbeiter Unternehmen verlassen, weil sie Dinge tun müssen, die ihnen keinen Spaß machen und in denen sie mit Blick auf die Unternehmensziele keinen Sinn sehen. Der Rest hat sich arrangiert und hofft auf bessere Zeiten. Deshalb finde ich es wichtig, dass Mitarbeiter die Unternehmensziele kennen, dass sie eingebunden werden in die Gestaltung und Beschreibung ihrer Aufgaben. So können sie die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit mitdefinieren. Dabei kann es gut sein, dass die Aufgaben immer wieder neu durchdacht werden müssen. Hier kommt natürlich die Frage auf, ob klassische Stellenbeschreibungen und Recruiting über eine Personalabteilung überhaupt noch Sinn ergeben.

„Ich bin froh, dass wir die Flüchtlingskrise als Stresstest für Staat und Gesellschaft erleben“

Die digitale Transformation betrifft nicht nur Unternehmen, sondern auch staatliche Stellen und die Gesellschaft als Ganzes. Wie sieht hier der digitale Wandel aus, wo geht die Reise hin?

Da haben Sie den Punkt angesprochen, der mich gerade am meisten beschäftigt. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein System, das in die Jahre gekommen ist. Da wir, die wir hier leben, verwöhnt und träge geworden sind, haben wir uns an den Status quo gewöhnt und halten uns aus Bequemlichkeit an die geltenden Regeln. Jetzt aber, wo Mensch von außen dazu kommen, die unsere unausgesprochenen Reglements nicht kennen, spüren wir auf einmal, dass unsere Regeln nicht klar sind und nicht mehr funktionieren.

Aus diesem Grunde bin ich froh, dass wir die Flüchtlingskrise wie so eine Art Stresstest erleben. Denn nur dann, wenn der Druck groß genug ist, wird sich etwas ändern. Unsere Behörden müssen digital besser ausgestattet und Datenschutzrichtlinien überdacht werden, damit alle effektiver zusammenarbeiten zu können. Die Bevölkerung sollte besser vor Übergriffen beschützt werden, die aktuell unter Bagatelldelikte laufen. Wir sollten in Bildung, Kinderbetreuung und Pflege investieren, damit unser Gemeinwohl auch zukünftig funktionieren kann, Und wir alle sollten offener werden für Menschen, die anders aussehen, denken und handeln als wir.

Foto: Katrin Schmitt (Outshot)

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