„Wenn man neue Wege geht, weiß niemand so genau, wie man am besten ans Ziel gelangt“

Matthias Lotzin
Von Matthias Lotzin Februar 17, 2016

„Wenn man neue Wege geht, weiß niemand so genau, wie man am besten ans Ziel gelangt“

Was ist das eigentlich, die viel beschworene digitale Transformation, und was bedeutet sie für Unternehmen, Führungskräfte, Mitarbeiter und Gesellschaft? Christiane Brandes-Visbeck erläutert im zweiteiligen TESTROOM-Interview ihre Vorstellungen vom digitalen Wandel – und verrät, warum so mancher Manager künftig die Tage bis zu seiner Pensionierung zählen dürfte.

Christiane Brandes-Visbeck ist Journalistin, Kommunikationsberaterin und nach eigenen Angaben „Powerfrau, lacht gern und sieht in jeder Krise eine Chance“. Nach Studium und leitenden Jobs in der Medienbranche arbeitete Brandes-Visbeck mehrere Jahre als Korrespondentin in New York. Seit 2004 leitet sie die Agentur Ahoi Consulting, Schwerpunkt ihrer Beratungstätigkeit ist die Unternehmensführung im Zeitalter der Digitalisierung. Brandes-Visbeck engagiert sich zudem im Branchennetzwerk Digital Media Women.

TESTROOM: Frau Brandes-Visbeck, die viel beschworene digitale Transformation von Unternehmen, was bedeutet das eigentlich konkret? Wie würden Sie den Begriff jemandem erklären, der sich mit dem Thema digitaler Wandel noch nie beschäftigt hat?

Christiane Brandes-Visbeck: Durch die Digitalisierung können wir einst analoge Prozesse beschleunigen und Informationen in noch größerem Umfang speichern. Dadurch können Firmen günstiger und schneller produzieren, aber auch individueller und maßgeschneiderter agieren.

Das heißt, bisher übliche und bestandssichernde Industriestandards wie Normierung und Qualitätskontrolle sowie Gewerkschaften entpuppen sich auf einmal als fortschrittshemmend. Der digitale Wandel bewirkt eine starke Veränderungsdynamik für alle Bereiche des Lebens, da die neuen technischen Produktionsmöglichkeiten es ermöglichen, Wünsche von Endverbrauchern und Mitarbeitern ganz individuell zu erfüllen.

Starke Veränderungsdynamiken sind dem technischen Fortschritt und dem Wesen der Evolution geschuldet. Zuletzt waren diese in der westlichen Welt während der Industriellen Revolution zu spüren. Auch jetzt werden wir große Veränderungen in der Arbeitswelt erleben, die für uns im Moment kaum vorstellbar sind.

Wenn wir an die digitale Transformation in Unternehmen denken, geht es nicht nur um innovative Produkte, agile Produktionsprozesse und kundenorientierte Dienstleistungen. Es reicht auch nicht, sich mit dem Konzept des Internets der Dinge, Robotern als Arbeitskräften oder der Augmented Reality auseinanderzusetzen.

In unsicheren Zeiten, in denen Geschäftsmodelle neu definiert werden, Arbeitsabläufe sich verändern, neue Berufsbilder entstehen und in denen die Zukunft für ganz normale Arbeitnehmer unberechenbar geworden ist, geht es vor allem darum, wie Unternehmenslenker und Top-Führungskräfte denken und handeln.

„Passe dich an, um zu gewinnen“

Was droht Firmen, die die digitale Transformation verschlafen oder nur halbherzig angehen und umsetzen?

Viele Innovation Evangelists sprechen davon, dass innovationsunfreudige Unternehmen aussterben werden wie die Dinosaurier. Weil sie es versäumt haben, sich an die neuen Zeiten anzupassen. Hier gilt der Sinnspruch „Adapt to win“ – passe dich an, um zu gewinnen. Auf jeden Fall werden sie von jungen, branchenfremden Unternehmen überholt werden. Wie die Plattenindustrie von Spotify und klassische Fernsehsender von Netflix.

Nehmen wir an, ich bin Chefin oder Chef eines mittelständischen Unternehmens, und möchte jetzt endlich mit der digitalen Transformation meines Betriebs loslegen. Wie gehe ich dabei vor, was sind meine ersten Schritte?

Patentrezepte gibt es leider nicht. Überall wird viel ausprobiert. Die Unternehmen und Berater, die in der digitalen Welt zu Hause sind und soziale Kultur leben, kennen die Maxime „Caring is sharing“. Ich gehe davon aus, dass in den kommenden Wochen und Monaten eine Vielzahl von Erfahrungsberichten zum digitalen Wandel in Unternehmen zur Diskussion gestellt werden. Das wird spannend.

Ganz allgemein gesprochen gilt es als erstes zu überprüfen, welche Ihre Unternehmensziele sind, wo Sie – sagen wir in fünf bis zehn Jahren – stehen möchten. Dann sollten Sie sich Gedanken über Ihr Geschäftsmodell machen und den Digitalisierungsgrad Ihres Unternehmens feststellen. Dazu gibt es bereits einige Tools, die Innovationsberatungen zur Verfügung stellen.

Bevor Sie jedoch anfangen, alles zu hinterfragen, jeden Prozess auf den Kopf stellen und in Ihre Personalstrukturen eingreifen, sollten Sie sich und Ihre Führungsmannschaft ganz ernsthaft fragen, ob Sie bereit sind, die Konsequenzen dieser tiefgreifenden Veränderungsprozesse zu tragen. Und zwar mutig, konsequent und nachhaltig.

Das ist besonders wichtig, denn ein Digital Leader führt anders – weniger herrschaftlich und mit weniger Statussymbolen wie Dienstwagen, Sondervergütungen oder Eckbüro – als eine klassische Führungskraft. Das wird ziemlich anstrengend.

Benötige ich Hilfe von außen?

Nach meiner Erfahrung kann im Unternehmen der Prozess intern angedacht und beschlossen werden. Doch die Veränderungen wirken sich an so vielfältigen Stellen aus, dass es Sinn ergibt, sich von außen begleiten zu lassen. In Sinne von Sparringspartner, Motivator, Supervisor und Coach.

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie in einer Woche auf unserer Webseite – und es bleibt spannend: Es geht um Digital Leadership, die Mitarbeiterführung im digitalen Wandel, um die Organisation von Arbeit und die digitale Transformation der ganzen Gesellschaft.

Foto: Katrin Schmitt (Outshot)

Lesen Sie auch diese interessanten Artikel
Matthias Lotzin
Von Matthias Lotzin Februar 17, 2016